Edition Voldemeer

Michael Oppitz
Morphologie der Schamanentrommel
Edition Voldemeer Zürich / Springer Wien New York, Erstausgabe 2013, 1241 Seiten, 8 Karten, 1224 Abbildungen, 21.8 × 26.8 cm, zwei Leinenbände mit Lesebändchen und Schutzumschlag, Schuber, ISBN 978-3-7091-1592-3

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Morphologie der Schamanentrommel ist mit seinen auf zwei Bände verteilten 1240 Seiten ein Monumentalwerk zu einer in den Bergregionen des Himalaya weitverbreiteten Religionspraxis, die gemeinhin als Schamanismus etikettiert wird.

Unter den schriftlosen Völkern, die sich dem Wissen ihrer Glaubensheiler anvertrauen, weist diese Tätigkeit mannigfaltige Formen und viele Namen auf. Das wichtigste Hilfsmittel der zum Heiler Berufenen, deren Hauptaufgabe darin besteht, ein durch menschliche Unbedachtsamkeit verspieltes kosmisches Gleichgewicht wiederherzustellen, ist überall jedoch das gleiche: Es ist eine Rahmentrommel, gefertigt aus dem Holz eines für diesen Zweck gefällten Baumes und dem Fell eines erlegten Wilds.

Zwei Organismen aus der Natur lassen folglich für Entstehen und Wirken eines dritten Wesens ihr Leben: für die als beseelt aufgefasste Schamanentrommel. Sie ersetzt die Bücher der Schriftkulturen und die Mittel der Mediziner. Auch wenn dieses elementare Werkzeug der Glaubensheiler in seiner physischen Gestalt aus den vielen Möglichkeiten existierender Membranophone stets nur dem einen Grundtypus der Rahmentrommel verpflichtet bleibt, so ist doch keine einzige Trommel mit einer zweiten vollkommen identisch. Jedes Stück ist einzigartig – entsprechend der Einmaligkeit eines jeden Eingeweihten, der es bespielt und für den es eigens gefertigt wurde. Über die im Herstellungsprozess mit Absicht erstrebte Individualität einer jeden Schamanentrommel stößt man auf die von jedem Heiler mitgeprägte, von keinem Dogma genormte Vielfalt der schamanischen Praktiken.

Zwischen diesen beiden Polen – Einheit des Grundtyps und unbegrenzte Vielfalt der realen Stücke – bewegt sich die Untersuchung des Buches: Bis ins kleinste Detail erforscht die Studie die Verwandlungen, welche die Trommel der Schamanen von Exemplar zu Exemplar erfährt, Variationen von Dorf zu Dorf, von Region zu Region und von Ethnie zu Ethnie – ein riesiges Gewebe von Transformationen, das den gesamten nordasiatischen Kontinent umspannt. Im Prisma eines einzigen Gegenstandes – der endlos sich verwandelnden Trommel – wird die Vielfalt der schamanischen Praxis greifbar. Denn nicht nur das handfeste Objekt steht im Blickpunkt der Untersuchung – auch die religiösen Vorstellungen, die sich mit ihm verknüpfen, treten ans Licht: die rituellen Handlungen der Schamanen, ihre Absichten und Ziele, ihre Gesänge und zahlreichen Mythen, die Fabrikationstechniken und Vorschriften, die bei der Herstellung der Trommel zu berücksichtigen sind, und die kosmologischen Konzepte, die sich im Bau des Instrumentes verbergen, kommen in ihren jeweiligen lokalen Varianten zur Sprache.

In jahrzehntelangen Recherchen hat der Autor dieses ›Werk der Verwandlungen‹ zusammengetragen, das ihm ein aus vielen Quellen zusammengesetztes Panorama ermöglichte: aus den meist unveröffentlichten Aufzeichnungen und Dokumenten anderer Feldforscher, vor allem aber aus eigenen Erkundungen vor Ort. Aus einer Mischung von wissenschaftlicher Akribie mit literarischer Erzählfreude ist ein Lebenswerk eigener Prägung entstanden – ein Zeugnis der Kunst ethnographischer Dokumentation. In der Art, wie die Morphologie der Schamanentrommel textliche und bildliche Zeugnisse zusammenführt, kann das Werk auch als Plädoyer für eine überzeugte Anwendung der visuellen Anthropologie gelesen werden.

Neben den über sechshundert Seiten Text, auf denen Fakten und Argumente in die Bahnen einer zielgerichteten Abhandlung gelenkt werden, öffnet die Studie zugleich ein ganzes Archiv bildlicher Repräsentationen: fast eintausend Photographien, Zeichnungen, Malereien, historische Stiche – allesamt auf das wichtigste Utensil der schamanischen Praxis ausgerichtet. Die Bilder unterstützen die verbalen Beschreibungen und die daraus gezogenen Folgerungen. Sie dienen der Anschaulichkeit der Trommel als physisches Objekt ebenso wie dem Nachvollzug ihrer vielfältigen Verwendungen im Ritual der Heiler. Die zahlreichen zeitgenössischen Photos zeigen die Gegenwart schamanischer Aktivitäten im Rahmen eines gelebten Alltags, während die in die Vergangenheit reichenden Bildzeugnisse Kontinuität und historischen Wandel dokumentieren. Über die inhaltlichen Verknüpfungen hinaus sind die Ebenen von Sprache und Bild noch durch eine dritte Dimension miteinander verbunden – über eine brückenschlagende akustische Ebene.

Die hier zusammengeführten und erstmals öffentlich zugänglich gemachten Tonbeispiele, die ihre Existenz dem Sammlerfleiss einer ganzen Generation von Forschern verdanken, vervollständigen den Versuch, den flüchtigen Anschauungen der schriftlosen Völker Hochasiens über einen einzigen Gegenstand ein bleibendes Denkmal zu setzen.